Worte schaffen Wirklichkeit.

Worte schaffen Wirklichkeit.

„Sprache ist von zentraler Bedeutung bei unserem Bemühen, die Rechte des Kindes zu respektieren, zu schützen und zu implementieren.“

Jaap E. Doek (Vorsitzender der Interinstitutionellen Arbeitsgruppe)

Was ist angemessene Sprache?

Worte sind von Bedeutung, weil sie Einfluss darauf haben, wie wir Probleme begrifflich erfassen, Themen priorisieren und Antworten finden. Der inkonsistente Gebrauch von Sprache kann zu widersprüchlichen Antworten auf ein und dasselbe Thema führen. Zudem verändert sich der Sprachgebrauch kontinuierlich. Als die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen in den späten 80er Jahren verfasst wurde, waren die Begrifflichkeiten „Kinderprostituierte“ oder „Kindersextourismus“ in der Fachöffentlichkeit gängig. Somit haben diese Ausdrücke Eingang in wichtige (internationale) Dokumente und dadurch auch in Gesetzestexte gefunden.

Mittlerweile ist eine anti-rassistische und gendersensible Sprache, die Machtdimensionen und Diskriminierungsrisiken reflektiert, Standard im fachöffentlichen Diskurs. Im Bereich der Kinderrechte wurde eine Debatte um angemessene Sprache lange Zeit kaum geführt.
2014 initiierte ECPAT International (Ending Sexual Exploitation of Children) eine interinstitutionelle Arbeitsgruppe, bestehend aus 18 internationalen Organisationen, die sich in einem mehr als einjährigen Beratungsprozess auf angemessene Begriffe und Konzepte rund um die sexuelle Ausbeutung und die sexualisierte Gewalt an Kindern einigte. Das Ergebnis ist der Terminologische Leitfaden, der vom englischen Original ausgehend, in weitere Sprachen übersetzt und adaptiert wurde: http://luxembourgguidelines.org

Obwohl es rechtliche Definitionen für eine Anzahl von Sexualstraftaten gegen Kinder gibt, herrscht noch immer große Verwirrung beim Gebrauch unterschiedlicher Begrifflichkeiten bezogen auf sexuelle Ausbeutung und sexualisierte Gewalt gegen Kinder.

  • Durch bestimmte Ausdrücke werden Stereotypen, gesellschaftliche Einstellungen, kulturelle Vorstellungen oder Normen, die entweder schädlich sind oder das Recht des Kindes auf Schutz vor sexueller Ausbeutung und sexualisierter Gewalt untergraben, bestätigt und verbreitet.
  • Meinungsunterschiede über die tatsächliche Bedeutung von Ausdrücken führen zu beträchtlichen Herausforderungen für die Weiterentwicklung und Planung von Politiken und Programmen, von Rechtsvorschriften sowie für die Datenerfassung.
  • Unklarheit beim Gebrauch von Sprache und von Begriffen kann die Lobbyarbeit und die zwischenstaatliche und behördenübergreifende Zusammenarbeit beeinträchtigen und schwächen.
  • Ohne ein klares konzeptionelles Verständnis (und Einigung) über deren Bedeutung wird das Übersetzen von Begriffen in unterschiedliche Sprachen zu einer beschwerlichen und ressourcenintensiven Aufgabe. Die Bekämpfung der grenzübergreifenden sexuellen Ausbeutung und des sexuellen Missbrauchs von Kindern wird somit erschwert.

Daher ist eine größere konzeptuelle Klarheit über die Terminologie notwendig, um eine stärkere und konsistentere Lobbyarbeit, Politik und Gesetzgebung in allen Sprachen in allen Regionen der Welt zu gewährleisten – um Kinder besser zu schützen.

Warum ein terminologischer Leitfaden?

Um Kinder gemeinsam besser vor sexualisierter Gewalt und sexueller Ausbeutung schützen zu können, bedarf es einer gemeinsamen angemessenen Sprache. Aktuelle Antworten auf Fragen des Kinderschutzes vor sexualisierter Gewalt und Ausbeutung sollten auf einem reflektierten Sprachgebrauch basieren und neue Entwicklungen infolge der zunehmenden Digitalisierung und des Internets wiederspiegeln. Beispielsweise machen das „Online-Grooming“ und Live-Streaming von sexuellem Missbrauch die Weiterentwicklung des Sprachgebrauchs notwendig.

Dabei spielen folgende Kriterien für angemessene 
Sprache im Themenbereich eine wichtige Rolle:

  1. Sprache sollte nicht stigmatisieren,
  2. Sprache sollte Betroffene nie zu Tätern machen,
  3. Sprache sollte kultur- und gendersensibel sein.

Die internationalen Dokumente, wie bspw. die UN-Kinderrechtskonvention und ihre Zusatzprotokolle verbleiben in ihrer jeweiligen, auch der Entstehungszeit geschuldeten, Sprache. Obgleich der Terminologische Leitfaden auch auf Ebene der Vereinten Nationen mitverabschiedet wurde und seine Nutzung empfohlen wird. Von einer sprachlichen Überarbeitung und Neu-Abstimmung auch von Gesetzen auf nationaler Ebene wird eher abgesehen, da die bestehenden Instrumente nicht geschwächt werden sollten. Aber es gibt Eckpunkte, an welchen auch auf dieser Ebene der Sprachgebrauch angepasst wird. Beispielsweise nennt sich die frühere „Sonderberichterstatterin zum Thema Verkauf von Kindern, Kinderprostitution und Kinderpornographie“ mittlerweile „Sonderberichterstatterin zum Thema Verkauf und sexueller Ausbeutung von Kindern“.

Macht das einen Unterschied?

Studien zeigen: Sprache wirkt und kann unsere Wahrnehmung unbewusst manipulieren (wie bspw. in der Werbung). Jede einzelne Person kann dazu beitragen, die Debatten um den Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt und Ausbeutung so zu gestalten, dass diese die Opfer nicht stigmatisieren oder die Gewalttaten relativieren. Je mehr Menschen angemessene Sprache nutzen, desto gewohnter wird ein angemessener Sprachgebrauch.

Beispiel INTERPOL

Die internationale Polizeiorganisation INTERPOL verpflichtet sich zur Nutzung angemessener Sprache. Beispielsweise werden explizit alle Begriffe in Zusammenhang mit „Kinderpornographie“ abgelehnt, da dies die Schwere des Missbrauchs von Kindern verschleiert. „When children are involved, it’s not porn. It’s abuse. It’s a crime.” https://www.interpol.int/Crimes/Crimes-against-children/Appropriate-terminology